3/23/2015

Ein offener Brief an Patricia Blanco

Liebe Patricia Blanco,

durch Zufall stieß ich im Internet auf ein Video des Senders RTL, in dem es um Ihren Gewichtsverlust geht. Erst mal: Gratulation! Wenn Sie sich so besser und schöner und gesünder fühlen, ist das ein toller Erfolg für Sie. Ich könnte im Leben nicht so viel Sport machen, weil ich nichts mehr auf der Welt hasse, und deshalb: Auch dafür Hut ab!

Ansonsten kann ich leider kein gutes Haar an diesem TV-Beitrag lassen. Ja, ich weiß, dass Sie "nur" Protagonistin sind und keinen Einfluss darauf haben, wie so ein Stück zusammen geschnitten und welcher hahnebücherner Unsinn darin getextet wird. Aber auf Ihre eigenen Aussagen, ja, darauf haben Sie Einfluss. 

"Eitelkeit ist jetzt auch ein bisschen dabei. Also ich schaue mich viel mehr im Spiegel an. [...] Wenn man dick ist, achtet man auf so was nicht mehr."

Das haben Sie gesagt. Als ich das gehört habe, wurde ich wütend und traurig zugleich. Traurig, weil Sie das anscheinend so empfunden haben. Und wütend, weil Sie diese Aussage in der Öffentlichkeit tätigen. 

Sie sind eine Person des öffentlichen Lebens. Das haben Sie sich selbst ausgesucht und deshalb tragen Sie die volle Verantwortung für Ihr Handeln. Und eben auch Ihre Aussagen. Wie Sie Ihr Leben leben ist Ihnen selbst überlassen. Ich werte nicht und es interessiert mich auch nicht. Wie Sie durch Ihre Rolle als Person des öffentlichen Lebens allerdings andere Menschen beeinflussen, das sehe ich kritisch. Sie haben, ob Sie wollen oder nicht, eine Vorbildfunktion. Das hat jeder Mensch, der sich selbst ins Licht der Öffentlichkeit rückt. Manch' Schauspieler oder Sänger findet das nicht schön, will er doch nur Schauspielen oder Singen, und versucht, sein Privatleben so versteckt wie möglich zu halten. Aber das tun Sie ja eben genau nicht. Sie lassen RTL eine Story über Ihren Gewichtsverlust drehen. Deshalb gehe ich nicht davon aus, dass Sie zu ersteren Kategorie gehören. Sie tragen also Ihr Selbstbild freiwillig nach Außen.

Wenn Sie nun selbst der Meinung sind, die Sie in obigem Zitat kund getan haben, dann tut mir das sehr leid für Sie. Dann sind Sie mit einem Selbstbild aufgewachsen, das völlig verzerrt und falsch ist. Aber inzwischen sind Sie in einem Alter, in dem Sie es besser wissen müssten. Und auch Ihre Rolle als Vorbild ernster nehmen sollten. Welche Message geben Sie damit jungen Menschen, Fans, die zu Ihnen aufblicken?

Es muss sich endlich etwas in den Köpfen der Leute verändern. Ob jemand dick, dünn, riesig, winzig oder viereckig ist - jeder Mensch ist schön, der einen schönen Charakter hat. Und Punkt. Dass wir uns nicht schön finden, liegt an dem Bild anderer Menschen, die diese von uns haben. Von selbst steht kein vierjähriges Kind vor dem Spiegel und sagt: "Ich bin hässlich." Nein, es ist die Gesellschaft, die uns Normen aufdrückt. Und so entsteht Selbsthass, Mobbing, Depressionen. Würde jeder sich selbst so annehmen, wie er ist und seinen Nebenmann genauso, hätten wir viele Probleme nicht.

Ist es nicht anstregend, immer und ständig andere Menschen zu beurteilen, kritisch zu beäugen und an ihnen herum zu mäkeln? Was hat es mich zu interessieren, ob jemand "unvorteilhaft" angezogen ist? Tut mir diese Person damit weh? Vielleicht findet diese Person genau diesen Stil wunderschön an sich? Und wenn ich Speckröllchen oder herausstehende Knochen an einer Frau in der Fußgängerzone bemerke - warum ist das "hässlich"? 

Weil die Gesellschaft das so vorschreibt. Und wer trägt zum großen Teil der Meinungsmache einer Gesellschaft bei? Die Medien, richtig. Wo wären wir ohne "Abnehmen in 40 Schritten - mein Weg zur Traumfigur?" oder eben TV-Beiträgen wie dem Ihren? Ach ja. Wir wären glücklicher und zufriedener mit uns selbst, richtig. Also bitte, liebe Frau Blanco - denken Sie doch ein bisschen mehr darüber nach, bevor Sie reden. Vielen Dank!


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