3/11/2015

An der Wand

Als erstes pudere ich mein Gesicht, damit es nicht glänzt. Danach grundiere ich die Hautunreinheiten, pudere sie nochmals ab, überdecke sie mit einem Make-up-Stift und dann folgt eine weitere Schicht Puder, für den Halt. Jetzt folgt die Base für den Lidschatten. Antrocknen lassen und drauf mit der Farbe. Darüber einen Lidstrich. Und die Wimpern schön lang tuschen. Ein Augenbrauenstift korrigiert die Form meiner im Teenager-Alter verzupften Bögen. Und zum Schluss das Sahnehäubchen: ein dauerhaft haltbarer Lippenstift. Das ist mein tägliches Beauty-Regime. 

Damit ist es natürlich nicht getan: Am Abend muss ich mich genauso regelmäßig auch wieder abschminken. Ohne Spuren geht das an meiner empfindlichen Gesichtshaut nicht vorbei. Hautrötungen, -unreinheiten, jede Woche mindestens ein Zucker-und-Honig-Peeling. Morgens und Abends Kokosöl als Hautcreme. Und trotzdem schuppige Stellen im Winter, spannende Haut im Wind.

Und warum das ganze? Für die Schönheit, ist der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schießt. Aber ist das wirklich so? Angeregt durch das Experiment von Stefanie auf ihrem Blog Unicorn's don't cheat, die eine Woche kein Make-Up getragen hat, habe ich mir darüber Gedanken gemacht. Und bin, zum besseren Reindenken, gestern auch selbst komplett mit nacktem Gesicht unterwegs gewesen.




Was mich besonders beschäftigt hat: Stefanie schreibt in ihrem Zwischenbericht, dass niemand bemerkt hat, dass sie ungeschminkt ist. Das konnte ich zuerst gar nicht glauben (nicht, weil sie nicht Naturschön ist, denn das ist sie, aber Make-Up macht doch so einen großen Teil der täglichen Routine aus). Man gibt sich Mühe und nickt sich hinterher zufrieden im Spiegel zu, wenn man sich "erkennt": Ja, so siehst du gut aus! Aber auch ich habe diese Erfahrung gemacht - weder auf der Arbeit noch im Privatleben hat irgendwer erkannt, dass ich keine Schminke benutzt habe.

Wenn aber niemand bemerkt, was man selbst so kunstvoll kreiert hat - warum dann das ganze? Für sich selbst, nicht wahr? Sollte ja sowieso so sein: Man schminkt sich, zieht sich an, macht sich zurecht - nicht für andere Personen, sondern nur für das eigene Wohlbefinden. Ja, schöne Idee, nicht wahr? Aber doch kompletter Blödsinn! Denn warum haben wir damals, in grauer Vorzeit, angefangen, uns zu schminken? Sicher nicht, weil wir mit 13 Jahren gedacht haben: Oh, mir fehlt etwas. Auf zum Make-up! Nein, wir haben es gemacht, weil wir so aussehen wollten, wie die Mädels in Dawson's Creek und der Bravo. Und weil Mama es auch jeden Tag macht. Und überhaupt: Wenn du nicht auch zum Eyeliner greifst, bist du das einzige Mädchen in der Klasse, das raussticht. Und das ist in dem Alter tunlichst zu vermeiden: Auffallen. Alle tun es, also tust du es gefälligst auch.

Wenn ich heute Bilder meines 13-jährigen Ichs sehe, möchte ich ihm mit einem nassen Lappen den blauen Lidschatten und den roten Lippenstift aus dem Gesicht schrubben. Es wäre nicht nötig gewesen. Im Gegenteil. Aber inzwischen habe ich mich so an dieses andere Ich gewöhnt, das Ich mit den dunklen Wimpern und den kräftigen Lippen, dass sich Annika-sans-Make-up nicht mehr richtig anfühlt. Ja, sogar unattraktiv - nur mit vollem "Gesicht" fühle ich mich wohl.

Zurück zu den anderen Menschen, denen nicht aufgefallen ist, dass ich ungeschminkt unterwegs war. Ich garantiere, dass sie keinen anderen, hässlicheren Menschen gesehen haben. Und deshalb habe ich mich hingesetzt und die oben gepostete Collage lange betrachtet. Und ja: Durch das jahrelange Brille-Tragen sind meine Augen kleiner geworden. Und ja, ich habe sehr helle und kurze Wimpern und dreimal ja, das Alter ist natürlich nicht total spurlos an mir vorbei gegangen. Aber eigentlich. Ja. Eigentlich. Ich sehe doch gut aus. Keine Falten. Keine hängende Haut. Keine Flecken, keine Hörner, keine grünen Schuppen. Je länger ich die Fotos betrachte, umso mehr erkenne ich mich wieder. Und merke, dass meine eigene Wahrnehmung verzerrt ist. Dabei habe ich das jetzt erst gemerkt. Seltsam. Aber gut zu wissen. Und ein Grund, öfter mal auf Make-up zu verzichten.

Was ist mit euch? Fühlt ihr euch unwohl ohne Schminke oder könntet ihr gut drauf verzichten? 


Kommentare:

  1. Richtig toller Post!
    Was ich definitiv "brauche", ist mein Augenbrauenstift. Volle, schöne Augenbrauen machen einfach so viel mit dem eigenen Look... und dann kann ich auch auf restliches Makeup gut verzichten. Generell mag ich es gar nicht gerne, wenn ich so viel auf dem Gesicht habe.
    Aber es ist immer so eine Sache, ob man sich auch wirklich JEDEM ungeschminkt präsentieren will... Ich kann deinen Punkt auf jeden Fall nachvollziehen! :)
    Liebste Grüße, Katharina

    http://thenewh2go.blogspot.de/

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    1. Danke dir! Das mit den Augenbrauen kann ich verstehen - sie können ein ganzes Gesicht ändern! Ich habe selbst erst vor kurzem angefangen, sie zu verstärken, und kann dir sagen: Es macht so viel aus! Nur leider vergesse ich es oft, da ich es früher nie getan habe :D.

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  2. Danke für die Verlinkung! Mittlerweile habe ich auch ein Fazit der Challenge gepostet. Schön, dass ich dich zu deinem eigenen Experiment inspirieren konnte. Ich glaube, dass selbst ein paar Tage ohne Make-up schon einiges verändern können (wenn auch nicht das ganze Selbstbild). Du kannst es auf jeden Fall tragen! :)
    Aber immerhin lernt man, dass es nicht so ist, dass man, wie man vorher denkt, von allen angestarrt und für ein außerirdisches Monster gehalten wird. Und genau die Frage, die du stellst, habe ich mir danach auch gestellt: wenn es kaum jemandem auffällt (vor allen den Männern), wozu macht man sich die ganze Mühe. Ist es tatsächlich mehr die Gewöhnung, dass man sich anders gar nicht mehr kennt? Oder für sich selbst?
    Ich bilde mir ein, dass ich mich mit Lippenstift sehr viel selbstbewusster fühle. Hat das was mit einer Maske zu tun, hinter der man sich versteckt?
    Und ist dir auch aufgefallen, dass man, sobald man selber ungeschminkt durch die Gegend läuft auch viel stärker darauf achtet, wie sich andere bzw ob sich andere Frauen schminken?
    Liebe Grüße
    Stefanie

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    1. Haha, ja, ob sich andere Damen schminken - da gucke ich auch schon seit zwei Tagen drauf. Und irgendwie sind es doch weniger, als man denkt!
      Interessante Idee, das mit der Maske. Aber ich glaube, da hast du recht. Wie manche sich hinter langem Haar oder bestimmten Klamotten verstecken. Das nackte Gesicht macht einen verletzlicher.
      Danke für das Kompliment übrigens. Ich denke, ich werde jetzt viel öfter versuchen, mal das ganze Gedöns wegzulassen. Und dafür am Selbstbewusstsein arbeiten, wenn es das denn ist. Manchmal merkt man erst, dass es daran hapert, wenn man solche "Selbstexperimente" macht. Heute, am "Tag 2" hat übrigens auch noch keiner was gesagt. Ich glaube, das wird auch niemand. Echt seltsame Sache... :D

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  3. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es niemand "bemerkt" hat. Ich denke mal eher, dass die Leute einfach nichts gesagt haben. Ich meine, wieso sollten sie auch? :)
    Aber an für sich finde ich das ne gute Sache.
    www.color-castles.com

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    1. Ich glaube, es ist so eine teils-teils Geschichte. Die Menschen, die auf so was wie Make-Up sowieso keinen Wert legen, haben es sicher nicht bemerkt. Vor allem Männer sind ja so: Wie, du hast einen neuen Haarschnitt? wenn man komplett anders aussieht. Aber sicher hast du auch recht: Viele werden es bemerkt haben, es war ihnen aber wurscht. Ich hätte schon gedacht, dass dann Kommentare kommen wie: "Du siehst ja heute so anders/müde aus." Aber nix. Das hat mich eher gewundert.

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  4. Richtig hübsche Bilder ! Bei mir läuft gerade eine Blogvorstellung. Würde mich freuen wenn du daran teilnimmst :) http://www.rabeasbeautytipps.com/2015/03/blogvorstellung.html

    Liebe Grüße Rabea <3
    www.rabeasbeautytipps.com

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  5. Tolles experiment. Ich habe mich auch als teenager viel zu doll geschminkt in den Zeiten wo konturieren und co. noch unbekannt für die Jugend war (die Zeiten ohne Tutorials oder Beauty blogs). Zehn Jahre später merke ich wie dezent ich mich schminke. Wie viel Zeit ich vorher investiert habe vor dem Spiegel... unfassbar. Heute brauche ich ca.15 min und ich bin ready to go. Ganz ohne würde ich aber nicht auskommen wollen. (Vor allem der Augenbrauenstift ;-))

    Chiara

    http://www.culturewithcoco.com

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    1. Oh ja, ich wünschte mir auch dass es damals Tutorials gegeben hätte! Dann würde ich mich heute für Fotos nicht sp schämen :D. Andererseits: Es gehört zu unserer Jugend-Kultur, da haben die nachfolgenden Generationen wenigstens mal was zu lachen...

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  6. Salut!

    Also erst mal: Toller Post, bzw Inhalt! Mit solchen Dingen sollte man sich vielleicht öfters mal auseinander setzen, anstatt tagein, tagaus die Welt nur um Mode, Make Up und Aussehen drehen lassen.
    Ich persönlich schminke mich kaum. Das einzige, was ich kaschiere, sind meine Augenringe, die habe ich schon seit ich klein bin. Ich fühle mich einfach nicht wach, wenn ich nicht wach aussehe:D Klar, darf es gerne auch mal abends, beim Feiern Wimperntusche und Lippenstift sein.
    Aber mit Eyeliner, Fake Lashes und Co kämpfe ich seit Jahren! Also lasse ich es lieber gleich ;)

    Liebst,
    Mona //
    Fleur&Fatale Fashion and Interior

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    1. Einerseits hast du recht, deshalb versuche ich immer, zumindest ein bisschen Mehrwert in meine Posts zu nehmen. Andererseits: Das Leben ist auch so schon "schwer" genug. Auf Lifestyle-Blogs treibe ich mich doch eigentlich herum, um mal abzuschalten, mal was Schönes zu sehen. Aber vielleicht ist eine ausgewogene Sache gar nicht so schlecht. Dann ist für jeden was dabei!
      Danke dir sehr!

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