11/19/2013

Black Wedding


Ich freue mich ganz besonders, heute zum ersten Mal einer Gastbloggerin die Tastatur zu überlassen: meiner Freundin Lena, die sich zu einem Beitrag über ein ungewöhnliches und traditionelles Modethema überreden ließ. Aber lasst euch von ihren eigenen Worten überraschen! Ich bin weg...


Der schönste Tag im Leben sollte ja bekanntlich die eigene Hochzeit sein. Manche finden ihn so schön, dass ihnen einmal nicht reicht: Liz Taylor hat es bekanntlich auf „acht schönste Tage im Leben“ gebracht. Die Ehemänner der Taylor wechselten, aber eins blieb stets gleich: Immer traute sie sich in Weiß. So sieht man an diesem Beispiel, dass Weiß, die Farbe der Unschuld, Freude und der Unendlichkeit schon seit längerer Zeit für die Frau am Tag ihrer Eheschließung geradezu ein Muss war.

Die britische Königin Victoria, die 1840 ihren Traumprinzen Albert von Sachsen-Coburg & Gotha heiratete, brachte das weiße Brautkleid in Mode. Von nun an heiratete die adelige Oberschicht in Weiß und selbst wenn es im gemeinen Volk noch etwas dauerte, setzte es sich dort spätestens in den 20er Jahren auch in den Städten durch.

Auf dem Land, wo selbst heute manche Mode nie ankommt und manche überhaupt nicht verschwindet (ich erinnere hier an dieser Stelle daran, dass ich erst vor kurzem mit Entsetzen feststellen musste, dass in manchen Regionen noch Vokuhila modern ist!!), hielt sich die traditionelle, bäuerliche Weise, sich zu kleiden, noch bis in unsere Tage vereinzelt. So ist es nicht verwunderlich, dass im Raum Marburg bis Ende der 50er Jahre noch in Tracht geheiratet wurde. Und dort ist das „Brautkleid“ nicht etwa weiß, sondern überwiegend schwarz!



Die dunkleren Farben deuten auf einen Trauerfall in der Familie hin


Das hat folgenden Hintergrund: schwarz ist seit jeher eine besondere, stolze Farbe. In schwarzen Kleidern besuchte man die Messe und unterstrich somit den feierlichen Ernst, der damals überwiegend der Kirche (egal welcher der christlichen Religionen) entgegengebracht wurde. Vor 100 Jahren und auch noch früher hatte die überwiegende Landbevölkerung kein Geld sich ein Kleid extra und einzig nur für den Hochzeitstag zu kaufen oder in den meisten Fällen zu nähen. So wurde das stolze, schwarze Kirchenwerk mit einigen Accessoires zum Brautkleid.




Ein Kleid im eigentlichen Sinne war es auch nicht. Vielmehr bestand der Hochzeitsstaat aus einem schwarzen Rock, Unterröcken, einem schwarzen Leibchen und einer schwarzen Jacke. Wie es bei Trachten allgemein üblich ist, durfte auch hier eine Schürze nicht fehlen. In diesem Fall war sie aus feinstem, schwarzen Atlas und am Saum wurde mit Perlen kunstvoll der Name der Trägerin eingestickt. Um doch noch ein klein wenig Weiß zu haben war wenigstens das lange Spitzenunterhemd in dieser Farbe und ein kunstvolles mit Weißstickerei verziertes Brusttuch.

Die katholische Tracht des Marburger Landes war seit je her farbenfroh, so ist es kaum verwunderlich, das auch bei der Brauttracht einige bunte Akzente gesetzt wurden. Über das weiße Brusttuch wurde eine geblümte, bunte Bänderkonstruktion, Quast im Volksmund genannt, gelegt. Dieser war gewöhnlich mit allerlei Kreuzen und Heiligen-Medaillen verziert, was die außerordentliche Frömmigkeit der Leute früher unterstreicht.




Das Highlight einer katholischen Trachtenbraut war aber die Brautkrone. In unseren Augen heute durchaus als kitschig und eher in der orientalischen Richtung beheimatet, war damals der Besitz einer solchen Brautkrone ein Statussymbol, wie heute etwa einem BMW M3 gleichzusetzen. Denn nur die reicheren Bauerstöchter konnten sich eine solche Brautkrone, die aus allerlei Flitterkram, Perlen und künstlichen Blumen besteht, leisten. Als eine Art Schleier wurden die gleichen geblümten Bänder, die schon als Quast über die Brust hingen, über den Hinterkopf gelegt. Je nach Wohlstand der Braut waren es neun bis 13 Stück.




Wer schön sein will muss leiden, davon konnte eine Trachtenbraut ein Lied singen, denn um die Brautkone am Kopf zu befestigen, musste diese an den Haaren fest genäht werden!! Einmal richtig angenäht, hielt sie aber auch den ganzen Tag perfekt und das war auch nötig, denn der Hochzeitstag begann schon vor dem Frühstück mit einer Brautmesse und zog sich bis weit nach Mitternacht hin. Und wer dachte, dass das Wechseln des Brautkleides nach der Kirche eine neue dekadente Mode von Kate Middelton und Madeleine von Schweden ist, irrt sich. Denn auch die Trachtenbraut hat sich bis zu dreimal am Tag umgezogen! Denn bei einem großen Fest wie der der Hochzeit wollte man zeigen, was man hat. Dabei wurde es auch wieder bunter. Schwarz wurde abgelegt und stattdessen ging es mit den Farben Blau, Grün und Rotbraun weiter. Die Brautkrone blieb aber jedes Mal an Ort und Stelle und durfte nach altem Volksglauben erst nach Mitternacht abgezogen werden, denn sonst bringe es Unglück.

Die Zeit vergeht, alles verweht und so ist es kaum verwunderlich, dass auch diese Brautmode längst der Vergangenheit angehört. Mag es daran gelegen haben, dass es schlicht und einfach unbequem war (obwohl manches Brautkleid von heute auch alles andere als bequem ist!) oder dass selbst in der staubigsten Provinz einmal die Moderne einzieht (abgesehen von manchen Vokuhila-Regionen). So sieht man eine Trachtenbraut zu ganz wenigen Gelegenheiten wie Dorffesten oder wie in unserem Fall zur Eröffnung des Dorf- und Trachtenmuseums in Roßdorf bei Amöneburg. Zu diesem feierlichen Anlass hatte ich nämlich die einmalige Gelegenheit, einen Brautzug zusammenzustellen, wie er noch in den 50er Jahren zu sehen war. 




Ich kann euch sagen, das war ein riesen Spaß, zumindest für mich, aber ich war ja auch nicht die Braut. Das habe ich meiner süßen Schwester überlassen und die Arme bekam tatsächlich die Haare angenäht (!) und ihr Outfit wurde mit allerlei Nadeln zurecht gesteckt, so dass sie mich ein wenig an ein Nadelkissen erinnerte. Das ganze Dorf hat mitgemacht und an diesem einen Tag Ende September waren alle Frauen, Mädchen und Omas stolz auf unsere Roßdorfer Tracht und haben nur zu gerne einige Stunden in der eher unbequemen Kleidung verbracht.




Was von diesem Tag blieb, ist zweifellos die Freude, die alle hatten, aber auch das Bewusstsein, dass es nicht immer ein Dirndl sein muss, denn unsere Tracht ist auch etwas ganz Besonderes. Im Museum kann man sich nun die Brauttracht von früher und allerlei andere kuriose Kleidungsstücke aus früherer Zeit ansehen. Zum Beispiel handgenähte Schuhe, wobei es keinen linken und keinen rechten Schuh gibt, was sicher nicht so gut für die Füße war. Ich bin ganz begeistert von der Schönheit der überwiegend handgenähten Dinge, bewundere die Kleidung von früher, bin aber mehr als froh, dass ich bequeme Turnschuhe trage.


Die männliche Tracht

Ein Fronleichnams-Altar von Anno Dazumal

Dorf- und Trachtenmuseum Roßdorf
Haus der Vereine
35287 Roßdorf
Termine nach Absprache: Heinrich Ried, 06422/3575

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